Au Pair Programm in den USA vor dem aus? – My Family Au Pair

Au Pair Programm in den USA vor dem aus?

Wie vielleicht bereits in den Medien gelesen, klagen derzeit 91000 Au Pairs gegen 15 Au Pair „Austauschorganisationen“. In den USA ist das Au Pair Programm stark reglementiert und Au Pairs können nur über eine Agentur in die USA einreisen. Zudem müssen alle Au Pairs eine Art „Einweisungstraining“ der Agenturen durchlaufen, in denen Ihnen die Grundzüge der amerikanischen Kultur, Kinderbetreuung und Erste Hilfe beigebracht werden. Die Au Pairs arbeiten laut Vertrag bis zu 10 Stunden am Tag und 45 Stunden gegen ein Taschengeld von durchschnittlich 833$ im Monat. Die Höhe des Taschengeldes ist allerdings nicht explizit gesetzlich festgelegt, sondern wird von der zuständigen Behörde in etwas so festgelegt: „entsprechend des selektierten Programmes“. Die Agenturen verlangen von den Gasteltern hohe Gebühren von circa 6500$ bis 15000$ pro Au Pair pro Jahr. Obgleich die Agenturen verpflichtet sind sich darum zu kümmern, dass Gasteltern sich an die Gesetzt halten, so wurde hier selten auf Hinweise zu Verstößen von Seitens der Au Pairs reagiert.

Auch in den Niederlanden ist der Au Pair Markt stark reglementiert. Auch hier dürfen Au Pairs nur über eine Agentur eingeladen werden und die Agentur muss regelmäßige Treffen für Au Pairs arrangieren. Die Agenturen sind angehalten sich darum zu kümmern, dass Gasteltern die Gesetzt einhalten und letztendlich kann der Staat die Agentur belangen, sollten Regelverstöße identifiziert werden.

In den USA, so wie in den meisten Ländern, müssen lediglich die Gastfamilien Gebühren an die Agenturen entrichten und sind damit auch vorrangig die „Kunden“ im Sinne einer Dienstleistung. Dies ist natürlich immer eine Zwickmühle für eine Agentur: „man beißt nicht die Hand die einen füttert“. Andererseits stellt sich natürlich alleine moralisch die Frage wie man als Agentur damit umgeht, wenn das Au Pair entsprechende Vorwürfe gegen die Gastfamilie erhebt.
In den USA wie auch hier zu Lande wird natürlich auch klar, dass viele Probleme vorrangig Kommunikationsprobleme sind. Wenn in Deutschland die Kleinkinder gerade in der „Wut-Phase“ sind und dann auch mal aus Frust versuchen ihr Umfeld zu schlagen, so reagieren wir als Gasteltern meist gelassen und unterbinden entsprechendes Verhalten durch diverse Maßnahmen. Trifft nun ein Au Pair auf dieses Kind, weiß es sich ja nach kulturellem Hintergrund nicht zu wehren, da es in ihrer Kultur ein solches Verhalten und damit verbundene „Strafmaßnahmen“ nicht kennt. Quint Essenz: die Familie ist schrecklich und das Kind schlägt mich. Jetzt könnte man argumentieren, dass Teil des Kulturaustausches sicherlich auch ist, Durchsetzungsvermögen zu lernen, was dem ein oder anderen Au Pair auch sicherlich fehlt. Die Frage stellt sich auch, ob die Gastfamilie das Au Pair entsprechend vorbereitet hat. Wer ist nun im Recht oder Unrecht?

Auch in Deutschland gab es vor kurzem einen „Aufreger“ der durch die Presse ging. Ein Au Pair ist am Ende des Au Pair Jahres nicht nach Hause geflogen, sondern hat in Deutschland Asyl beantragt. Als nach einigen Jahren der Antrag abgelehnt wurde und die echte Identität des Mädchens festgestellt wurde, wurde die ehemalige Gastfamilie von der Gemeinde für die angefallenen Kosten zur Kasse gebeten. Der Fall wird derzeit gerichtlich geklärt. Dies hatte allerdings zur Folge, dass manche Gasteltern zu extremen Maßnahmen greifen. Eine Gastfamilie hat ihr Georgisches Au Pair wegen mangelnder Sprachkenntnissen gekündigt und sie dann in ihrem Zimmer eingeschlossen. Handy und Laptop wurden ihr genommen, die Ausländerbehörde über das Vertragsende informiert und die Bundespolizei alarmiert. Dem Mädchen wurde somit nicht nur die Freiheit genommen sondern auch jede Möglichkeit sich innerhalb der Kündigungsfrist von 2 Wochen um eine neue Gastfamilie zu kümmern. Am Ende wurde sie von der Bundespolizei bei der Gastfamilie abgeholt um dafür zur sorgen, dass sie auf jeden Fall abreist. In einem anderen Fall war ein Vietnamesisches Mädchen bereits im Flugzeug unterwegs nach Deutschland als die Gastfamilie den Au Pair Vertrag aufkündigte und sowohl die Deutsche Botschaft in Vietnam als auch die Bundespolizei informierte. Die Vietnamesin wurde bei der Passkontrolle von der Bundespolizei abgefangen und zur sofortigen Ausreise gezwungen, da sie in diesem Moment faktisch ohne Visum nach Deutschland eingereist war. Da sie bereits ein Au Pair Visum erhalten hatte, darf sie nicht erneut ein Au Pair Visum beantragen. In beiden Fällen hatten die Mädchen die Gastfamilien ohne Hilfe einer Agentur gefunden.

Fängt man mit der ursprünglichen Klage in den USA an, so stellt es einem erst mal die Nackenhaare auf und das Mädchen kann einem wirklich leid tun. Auch in Deutschland bekommen wir immer wieder schlimme Geschichten erzählt: Schimmelbefall im Au Pair Zimmer in Altbauwohnungen in Berlin; Essenrationen für Au Pairs, damit das Au Pair nicht die „teuren“ Sachen aus dem Kühlschrank nimmt; Au Pairs die 60 Stunden die Woche arbeiten und weder Pausen machen, noch Zeit haben einen Deutschkurs zu besuchen. Leider gibt es viele Agenturen die sich nicht um die Probleme kümmern möchten, denn das kostet Zeit und damit auch Geld. Bei einer Vermittlungsgebühr von 300€ stellt sich die Frage, wie viel Zeit eine Agentur in Einzelfälle investieren kann und will.

Erwartungen zu managen ist hierbei der größte Balanceakt einer Agentur. Gasteltern erwarten 30 Stunden Einsatz im Haushalt und in der Kinderbetreuung, mit entsprechender Umsicht, Weitsicht und Reife. Gerade in Deutschland, in der gemeinsames Tisch decken und abräumen zum normalen Familienalltag gehören, ist die Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit grau. Denn in Latein- und Südamerika kümmern sich vor allem die Mütter um alles und auch die eigentlich erwachsenen Kinder werden nicht zur Unterstützung herangezogen. Somit zählt für sie diese Art von Unterstützung in der Regel gedanklich zur Arbeitszeit. Bügeln ist ein weiterer Klassiker, denn bügeln ist in Mexiko die klassische Aufgabe einer Hausdame, die sich in Mexiko fast jeder in der Mittelschicht leistet. Für Au Pairs aus Mexiko gilt es somit als „Degradierung zum billigen Hauspersonal“ wenn die Gastfamilie um Unterstützung beim Bügeln bittet. Die meisten Deutschen Kinder die Bügeln lernen finden es wiederum meistens eine der besseren Hausarbeiten, denn dabei darf meist der Fernseher angemacht werden und unbekümmert das Nachmittagsprogramm angeschaut werden wo ansonsten Fernsehverbot herrscht.

Es ist wahrscheinlich für alle ein kleiner Weckruf, sein eigenes Verhalten mal wieder grundlegend zu hinterfragen. Unterstützen wir als Gasteltern unsere Au Pairs, vor allem in der Anfangszeit, ausreichend? Zwischen Heimweh und Kulturschock braucht das ein oder andere Au Pair auch mal etwas mehr Liebe und Zuwendung um sich einzufinden. Doch zwischen unserem hektischen, durchorganisierten Alltag und dem Bedürfniss, möglichst ohne Reibungsverluste zwischen altem und neuen Au Pair zu wechseln, fehlen uns oft die Nerven immer souverän mit unseren eigenen Kindern und Ehepartnern umzugehen. Wie viel Kapazität haben wir da noch für unsere Au Pairs? Als Au Pair ist es wiederum natürlich auch einfach, sich auf die nicht erfüllte Erwartungshaltung zurückzuziehen. Sich einer neuen Kultur anzupassen ist viel Arbeit an der eigenen Persönlichkeit. Da ist es einfacher sich auf den Standpunkt zurückzuziehen, dass die Gasteltern sich nicht an die Vereinbarungen halten als über seinen Schatten zu springen und gefühlt erst mal einen Teil von sich aufzugeben. Und bis zu einem gewissen Punkt ist es das, was Au Pairs tun wenn sie ein Teil unserer Kultur und unseres Lebens werden: sie geben ein Teil ihrer Lebensweise und Prägung ab und nehmen einen Teil unserer Lebensweise und Lebenseinstellung auf. Erst dann ist das Tischdecken und Tischabräumen nicht mehr ein Teil der Arbeitszeit und Verpflichtung eines Au Pairs, sondern vielmehr Teil des Zusammenlebens als Familie in Deutschland.

Wir wünschen uns weiterhin, dass unsere Au Pairs uns als Agentur vertrauen und sich mit ihren Nöten und Fragen an uns wenden. Wir haben bei unseren Gastfamilien ein glückliches Händchen und freuen uns, dass unsere Gastfamilien ihre Au Pairs mit offenen Armen und viel Unterstützung an das Leben in Deutschland gewöhnen. So können wir einen kleinen Teil dazu beitragen, dass es in Deutschland nicht so weit kommt wie in den USA. Der allgemeinen Verunsicherung zum Thema Au Pair in Deutschland kann man teilweise nur mit etwas Vertrauen und Gelassenheit entgegenstehen, sonst kommt es auch hierzulande irgendwann zu einem Zusammenbruch des Au Pair Programms, was schade wäre.